„Die Liebe ist überall Liebe, aber …“

Der 17jährige Reshad Tahiri spricht über die Bedeutung von Liebe in seinem Heimatland.
Manchmal versteckt sich große Traurigkeit hinter einem Lächeln. Manchmal sind fröhliche Menschen im Herzen sehr traurig, aber man muss schon ihr Herz berühren oder ihre Augen genau beobachten, um hinter dem Lächeln die Traurigkeit zu erkennen.

Der 17jährige Reshad Tahiri ist ein lustiger afghanischer Junge. Er brachte oft das ganze Filmteam  mit seinen Sprüchen und Bewegungen während des Videoprojekts „Clash“ zum Lachen. Als ich um ein Interview mit ihm bat, hoffte ich seine Lebensgeschichte würde besser sein, als die vieler anderer afghanischer Jugendlicher, die im Krieg gelitten haben. Aber meine Hoffnungen erfüllten sich nicht.
Reshad war sieben Jahre alt, als sein Vater verschwand. Sein Onkel kümmerte sich um ihn, seine Mutter und zwei kleine Schwestern. "Ich wollte zur Schule gehen, aber dieser Wunsch erfüllte sich nicht", sagt Reshad in Dari. Er lebte in der Provinz Kapisa in Afghanistan. Seit sieben Monate ist Reshad in Deutschland.

Es ist kein leichtes Schicksal, wenn ein Kind in Afghanistan ohne Vater aufwächst. Die kleinen Brandnarben auf dem Arm von Reshad, die von Zigaretten herrühren könnten, erzählen die Geschichte einer schwierigen Kindheit. Aber wenn man ihn nach den Narben fragt, wird er still.
Lieber spricht Reshad über Liebe. Ihm wurde die Liebe des Vaters geraubt, und doch möchte er, dass alle Filme in der Welt auf Liebe aufgebaut sind. Als ich ihn bitte, zu erklären, worin die Unterschiede zwischen Liebe in der europäischen Kultur und in seinem Heimatland liegen, antwortet Reshad: "Menschliche Gefühle sind überall gleich, die Liebe ist überall Liebe. Es ist ein menschliches Gefüh, aber die Kulturen sind sehr unterschiedlich." In seiner Heimat sei die Liebe ein Geheimnis zwischen zwei Menschen, die Liebe ist ein verborgenes Gefühl.

Reshad hatte eine Freundin in seinem Dorf, die er sehr liebte. Beide gingen in die Moschee für den Religionsunterricht. "Manchmal liefen wir weg aus dem Unterricht und gingen zu den Gärten in unserem Dorf und nahmen heimlich Früchte", erzählt Reshad. Darüber staunte ich, denn es ist ungewöhnlich in Afghanistan, vor allem in den Dörfern, dass ein Junge und ein Mädchen, die ineinander verliebt sind, spazieren gehen oder spielen. Aber das Seufzen Reshads und seine weitere Erzählung erklärten alles. "Das war Kindheit, als meine Freundin neun Jahre war, kam sie nicht mehr nach draußen."
Vor der Ehe können Mädchen und Jungen in Afghanistan nicht zusammen sein, und wenn sie sich verlieben, bedeutet das, dass sie heiraten wollen. Dann werden die beiden Familien miteinander sprechen und das Liebespaar verloben, das nach sechs Monaten oder einem Jahr heiratet. Manchmal sind die Familien nicht einverstanden mit dieser Heirat. Würde ein Paar fliehen und heimlich zusammenwohnen, wäre das gegen das Gesetz, gegen Religion und Tradition. Und es ist strafbar, weil Sex ohne Ehe in Afghanistan verboten ist.

Reshad erzählt, dass einige Jugendliche, die sich in den großen Städten verlieben, sich manchmal treffen oder auf Handys miteinandet sprechen können. Aber die meisten Jugendlichen respektieren die Tradition. Ihre ersten Erfahrungen mit Sex machen beinahe alle afghanischen Jugendlichen erst nach der Hochzeit, und es ist wertvoll. Wenn ein Mädchen Sex mit einem anderen Mann vor der Ehe hatte, wird ihr Eheleben in Gefahr sein. Manchmal werden solche Ehen geschieden, in einigen Fällen werden Frauen sogar umgebracht.
In seiner Heimat würden viele Frauen bereits zwischen 15 und 25 Jahren heiraten, erklärt Reshad, Männer zwischen 18 und 30 Jahren. Diese jungen Familien würden mit vielen Problemen konfrontiert, aber sie versuchten, diese gemeinsam zu lösen und nicht getrennt zu werden. "In Deutschland ist es einfach mit einem geliebten Menschen zusammen zu sein, aber niemand weiß, wie lange die Beziehung halten wird", sagt Reshad. "In meinem Heimatland ist es schwer, einen geliebten Menschen zu heiraten, aber alle wissen, dass beinahe alle Ehepaare lebenslang zusammen bleiben."